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Veröffentlicht am 18­.06.2014

18.6.2014 - Süddeutsche Zeitung

„Die Sache mit Tebartz hat viele entsetzt“

Sigrid Grabmeier über die Verärgerung bei den Gläubigen, dass der frühere Limburger Bischof nach Regensburg zieht

INTERVIEW: WOLFGANG WITTL

Regensburg – Warum der? Warum ausgerechnet wir? Eine Woche nachdem bekannt geworden ist, dass der umstrittene frühere Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zum 1. September nach Regensburg zieht, ist die Empörung im Bistum noch nicht verklungen. Auch Sigrid Grabmeier von der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ gehört zu den Kritikern.

SZ: Frau Grabmeier, was um Himmels willen ist so schlimm daran, dass Bischof Tebartz-van Elst sich vorübergehend in Regensburg niederlässt?

Sigrid Grabmeier: Im Prinzip ist erst einmal gar nichts schlimm, wenn man vom Bischof willkommen geheißen wird und einen Ort findet, an dem man wohnen kann.

Aber?

Die Leute verbinden mit Tebartz-van Elst Verschwendung und Prunksucht. Auf der anderen Seite ist Regensburg ein reiches Bistum mit eher undurchsichtigen Finanzen. Diese Intransparenz, die in Limburg beklagt wurde, die haben wir hier auch. Deshalb entsteht der Eindruck: Die zwei passen gut zusammen, der Limburger Bischof und das Bistum Regensburg.

Ist es nicht vielmehr ein Zeichen christlicher Barmherzigkeit, einen Menschen aufzunehmen. Selbst der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagte, dass sein Amtsbruder Tebartz-van Elst nirgendwo mehr gelitten sei.

Natürlich ist das barmherzig. Aber wie barmherzig waren die Bischöfe in Regensburg mit den Missbrauchsopfern? Wie barmherzig waren sie mit den misshandelten Domspatzen? Das sind für mich Fragen. Dieses Wort der Barmherzigkeit in Bezug auf Tebartz-van Elst – da stellen sich nicht nur mir die Nackenhaare auf.

Aber in Limburg konnte er schlecht bleiben – und irgendwo muss er ja leben. Urteilen Sie nicht etwas ungnädig?

Regensburg ist zumindest der Ort, an dem Bischof Tebartz-van Elst sich besonders wohlfühlen wird. Weil er hier genügend Menschen hat, die ähnlich ticken und die ihn unterstützt haben. Dazu zählt Albert Schmid, der Vorsitzende des Landeskomitees der bayerischen Katholiken. Da ist die Prinzessin von Thurn und Taxis. Auch Bischof Voderholzer hat ihn verteidigt – und natürlich dessen Vorgänger Gerhard Ludwig Müller, der bis zuletzt von einer Medienkampagne gesprochen hat. Dabei war der Untersuchungsbericht der deutschen Bischofskonferenz mehr als deutlich.

Einige Menschen haben wegen des geplanten Umzugs von Tebartz-van Elst bereits ihren Kirchenaustritt angekündigt. Ist das nicht maßlos übertrieben?

Hier zeigt sich einfach diese besondere Enttäuschung. Für viele Menschen ist das der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Sie setzen große Hoffnungen in Papst Franziskus, sie sehen, hier tut sich etwas, mit diesem Mann kann ich mich identifizieren. Hier kehrt die Kirche zurück zu ihren ureigenen Werten – aber in Regensburg halt nicht. Hier wird einer, der mit vollen Händen das Geld rausgeworfen hat, der seine Gremien hintergangen hat, der gelogen hat – der wird hier wieder in die Arme geschlossen. Das verstehen die Leute nicht, und das erzeugt Ärgernis.

Nur wegen eines Mannes?

Sehen Sie: Ich war gerade erst bei meinem Schwiegervater zu Besuch. Der ist 88, auch er hat sich furchtbar aufgeregt, sogar noch viel mehr als ich. Das ganze Leben meiner Schwiegereltern war kirchenfreudig, wie das anderer Menschen auch, aber die Sache mit Tebartz hat viele entsetzt.

Was soll ein Kirchenaustritt bewirken?

Das ist ja noch kein Abfall vom Glauben, das ist lediglich der Austritt aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit der Entzug von Geld. Aber von den deutschen Bischöfen wird das natürlich anders gesehen. Ich bin grundsätzlich der Meinung: lieber Aufstand machen und aufbegehren als weglaufen. Klar ist auch: Die Leute, die Widerstand leisten, sind innerhalb der Kirche in der Minderheit.

Schon während seiner vom Papst verordneten Auszeit hat Bischof Tebartz-van Elst im Bistum Regensburg gelebt. Ein bleibender Schaden ist nicht erkennbar.

Was vor allem zeigt, dass Regensburg als ein extrem Klerus- und Bischof-zentriertes Bistum geführt wird.

Hat nicht auch ein abgelöster Bischof das Recht, in Ruhe gelassen zu werden?

Durchaus. Daher hoffe ich, dass sich Franz-Peter Tebartz-van Elst möglichst unauffällig benimmt und nicht bei irgendwelchen Festgottesdiensten konzelebriert. Das würde die Menschen nur noch mehr aufregen.


Sigrid Grabmeier, 52, ist Sprecherin im Bundesteam der Reformgruppe „Wir sind Kirche“. Die dreifache Mutter aus Deggendorf ist verheiratet mit Johannes Grabmeier, dem Vorsitzenden der Laienverantwortung Regensburg.

Zuletzt geändert am 18­.06.2014